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Elvira I

Sie ist gerade mal vier Monate alt. Doch Elvira sitzt in ihrem Stühlchen am Esstisch mit ihren Eltern und lässt ihren Blick durchs Zimmer schweifen, als wäre sie eine Grosse. Abwechselnd sind ihre Augen kleiner oder grösser, fragend oder verstehend, ihr Näschen schnuppert neugierig um sich herum, ihr Mund spitzt sich immer wieder zu und gibt von Tag zu Tag neue Laute von sich, als wollte sie unbedingt etwas sagen. Was sie wohl denken mag? Und ob sie überhaupt schon denken kann? Oder ob sich das Denken erst mit der Sprache entwickeln wird? Oder umgekehrt? Ein unergründliches Geheimnis. Wer, wie die "Transhumanisten" des Silicon Valley, meint, der Mensch könnte eines Tages durch Roboter ersetzt werden, hat noch nie ein paar Stunden mit einem vier Monate alten Kind verbracht...
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Samira XVIII

Ein Ei ist ein Ei. Oder vielleicht eine Schildkröte? In der Phantasie der nun sechseinhalbjährigen Samira ist alles möglich. Die kleinen Spielhasen werden zu einer Geburtstagsfeier eingeladen, während der Wolf irgendwo auf der Sofadecke fünf  Babys zur Welt bringt und extra für das kleine Stachelschwein aus Legosteinen ein wunderbarer Spielplatz gebaut wird, mit Planschbecken, Rutschbahn und Aussichtsturm. Kinderaugen sehen alles ganz anders als Erwachsenenaugen, voller Wunder, voller phantastischer Bilder, ein Film, in dem laufend neue Wesen auftauchen und die ganze Welt verzaubern. Das begann schon ganz früh. Als Samira etwa eineinhalb Jahre alt war, blieb sie, wenn sie den Gehsteig entlang ging, immer wieder stehen. Erst mit der Zeit fanden die Erwachsenen den Grund hierfür heraus: Sie blieb immer dann stehen, wenn sie am Boden einen winzigen weissen Fleck entdeckt hatte. Nicht die grossen Flecken, an denen ging sie achtlos vorbei. Aber die allerkleinsten weissen Flecken, die zogen…

Abschaffung des Gymnasiums: Zum Wohle der Gesellschaft, der Wirtschaft, der Kinder und Jugendlichen

Jetzt ist er, wie jedes Jahr, wieder voll entbrannt: der Kampf um einen Platz am Gymnasium. Es gibt Kinder, die in diesen Monaten nicht viel von ihrer Kindheit haben. Hobbys, Freundinnen, Faulenzen, das alles hat zweite Priorität. Stattdessen wird gelernt. In jeder freien Minute. Entweder mit der Hilfe eines privaten Lerninstituts oder eines Elternteils, das zeitlich und fachlich die Möglichkeit dazu hat. In Zürich ist daraus eine ganze Industrie für Vorbereitungskurse entstanden. Einwöchige Ferienkurse kosten zwischen 500 und 1000 Franken. Langfristige Vorbereitungen auf die Gymiprüfung sind deutlich teurer. Ein bekanntes Lerninstitut bietet zum Beispiel einen mehrere Monate dauernden Kurs mit 22 Terminen zum Preis von 3960 Franken an. Laut Eigenwerbung beträgt die Erfolgsquote der Teilnehmer 89 Prozent.
(Sonntagszeitung, 16. Februar 2020)

Kein Wunder, dass Kinder gutverdienender Eltern an den Gymnasien weit übervertreten sind. Eine unbeschreibliche Ungerechtigkeit, eines demokratis…

Anstelle von Frühförderprogrammen: Bekämpfung der Ursachen statt der Symptome

Sind Eltern nicht übermässig belastet, in ihrem Wohnumfeld vernetzt und von Anfang an in feinfühliger Interaktion mit ihrem Kind, sind die Chancen für eine gesunde und erfolgreiche Entwicklung intakt. Was hingegen, wenn die Eltern arm und isoliert sind? Bei Belastungen kommt es vor, dass Eltern nur wenig mit dem Kind sprechen oder nur Befehle erteilen. Dann ist der Erziehungsalltag wenig förderlich, manchmal sogar vernachlässigend. Nach einer Studie der amerikanischen Psychologen Betty Hart und Todd R. Risley haben Kinder von Eltern, die auf Sozialhilfe angewiesen sind, im Alter von drei Jahren 30 Millionen Wörter weniger gehört als die Kinder von wohlhabenden Eltern. Diese Lücke hat direkte Auswirkungen auf ihren Wortschatz: Die Dreijährigen aus armen Familien beherrschten durchschnittlich 525 Wörter, die Kinder aus begüterten Verhältnissen dagegen 1116. Welche konkreten Schritte lassen sich daraus ableiten? Mit besonderem Augenmerk auf Familien in Risikosituationen braucht es zuers…

Samira XVII

Samira ist jetzt sechseinhalb Jahre alt. Heute ist sie mit Opa für ein paar Augenblicke ins Universum geflogen. Und das kam so. Wieder einmal hat Samira gezeigt, wie weit sie schon zählen kann, aktuell bis zwanzig. Und plötzlich fragte sie Opa, ob hundert und hundert zusammengezählt zweihundert gäbe. Aber das war längst nicht alles. Denn nun wollte sie auf einmal wissen, welches denn die absolut höchste Zahl sei. Das, meinte Opa, könne man nicht sagen. Denn wenn man auch bei einer noch so riesigen Zahl angelangt sei, könne man ja immer noch weiterzählen und sei einfach nie am Ende. Einen Moment bliebt Samira stumm. Und dann sagte sie: Aber das geht doch nicht, irgendwann hat man ja keine Wörter mehr für diese Zahlen. Jetzt war es Opa, dem es die Sprache verschlug. Ja, in der Tat braucht man ja für jede neue Zahl ein neues Wort, Millionen, Billionen, Trillionen, Trilliarden sind ja bloss der Anfang. Aber wenn das immer so weitergeht, werden einem tatsächlich eines Tages die Wörter aus…

Man schämt sich und zieht sich zurück...

"Wir leben in einer Gesellschaft, die sich über Erfolg definiert. Und wenn man ein erfolgreicher Unternehmer oder eine erfolgreiche Unternehmerin ist, hat man ein grosses Ansehen. Aber wenn man scheitert, zeigen die Leute mit dem Finger auf einen, man fühlt sich schuldig, man schämt sich und zieht sich zurück."
(Attila von Unruh, gescheiterter Unternehmer, in: NZZ Format, Schweizer Fernsehen SRF1, 6. Februar 2020)

Genau das Gleiche erleben all jene Kinder in der Schule, die sich zunächst viel Mühe geben - jedes Kind will ein guter Schüler, eine gute Schülerin sein -, dann aber in Form von missratenen Prüfungen und schlechten Noten zunächst ein erstes Mal, dann aber auch wiederholt Rückschläge und Misserfolge erleben. Man schämt sich, sagt der gescheiterte Unternehmer, man fühlt sich schuldig, man zieht sich zurück. Wenn selbst ein gestandener und über Jahre erfolgreicher Unternehmer sein plötzliches Scheitern als so belastend,  ja geradezu zerstörerisch empfindet, wie muss …

Lernen im Leben und Lernen in der Schule

Wer Polizist oder Polizistin wird, muss fit und schlau sein. Schon das mehrmonatige Auswahlverfahren hat es in sich: Die Stadtpolizei Zürich wählt einen von acht Bewerbern aus, bei der Kantonspolizei schafft es nur jeder Zehnte, in Winterthur jeder Zwölfte. Die meisten versagen aber nicht etwa beim Sporttest oder bei der Charakterfestigkeit - das Killerfach ist Deutsch. In den letzten Jahren scheiterte bei der Kapo mehr als die Hälfte an der Sprache, in Winterthur kam manchmal nur ein Drittel der Bewerber bis zum anschliessenden Sporttest.
(Tages-Anzeiger, 3. Februar 2020)

Polizeianwärter, die beim Deutschtest versagen. Schweizer Schülerinnen und Schüler, die im Lesetest 2019 der Pisastudie ungenügende Leistungen zeigten. Jugendliche, die nach fünf Jahren Französischunterricht kaum einen einzigen französischen Satz korrekt über die Lippen bringen. Offensichtlich wird das, was in der Schule gelernt wird, weitaus schlechter gelernt als das, was im Leben gelernt wird. Augenfälligstes Bei…