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Die Schule ein halbes Jahr lang aussetzen

Zahllose Jugendliche engagieren sich in der Klimastreikbewegung dermassen, dass für anderes fast keine Zeit mehr bleibt. Auch die Schule wird zur Nebensache: An den Klimastreiktagen wird «geschwänzt», Hausaufgaben türmen sich auf, nicht gemachte Prüfungen müssen nachgeholt werden. Organisatoren und Wortführerinnen der Bewegung werden rund um die Uhr mit Nachrichten und Meldungen zugedeckelt, müssen Interviews geben, Stellungnahmen vorbereiten, Termine und Aktionen organisieren. Es zerreisst diese jungen Menschen förmlich zwischen den äusseren Anforderungen, den inneren Visionen und den Zukunftsängsten, nicht nur was die Umwelt und das Klima betrifft, sondern auch die eigene berufliche Zukunft, die auf dem Spiel steht, wenn sich unentschuldigte Absenzen, schlechte Noten und schlaflose Nächte zu sehr aufeinander auftürmen. Zu schwere Lasten liegen auf den Schultern der jungen Menschen, während sich die Erwachsenen genüsslich zurücklehnen können im Wissen, dass sie von den Folgen all dessen, was wir heute anrichten, viel weniger betroffen sein werden als all die Menschen, die heute geboren werden.

Jetzt wäre es an der Zeit, die Schule auszusetzen. Der Notstand. Auch die Lehrkräfte treten in den Streik. Nicht nur freitags, sondern auch montags, dienstags, mittwochs und donnerstags. Ein halbes Jahr lang gibt es keine Schule. Ein halbes Jahr lang gibt es nur ein einziges Projekt, den Klimastreik. Es besteht überhaupt keine Gefahr, dass das Lernen dabei zu kurz käme. Im Gegenteil. Im Projekt «Klimastreik» lernen die Jugendlichen alles über physikalische, chemische, biologische und mathematische Zusammenhänge in der Natur, beim Klima, bei der Erderwärmung - nichts weniger als die Gesetzmässigkeiten und  Bedingungen unserer eigentlichen Lebensgrundlagen und damit das Wesentlichste überhaupt, ohne das alles andere gar keinen Sinn macht. Beim Lesen und Verarbeiten von Fachliteratur und beim Verfassen von Artikeln und Stellungnahmen erweitern sie ihre Kenntnisse in ihrer Lese- und Schreibfertigkeit. In Diskussionen, Referaten und Stellungsnahmen üben sie ihre Kommunikationsfähigkeit. In der Vorbereitung von Anlässen und Aktionen erweitern sie ihre Fähigkeiten des Organisierens und Planens. Im Austausch mit Jugendlichen anderer Länder praktizieren sie ihre Englischkenntnisse. Lernen ist Leben, Learning by Doing. Und so werden diese Jugendlichen wieder genau so engagiert, lustvoll und erfolgreich lernen, wie sie es schon alle in ihrer Kindheit taten: Nicht weil es von einem von Erwachsenen vorgegeben Lehrplan vorgeschrieben wird, sondern weil sie es von sich aus tun, selbstbestimmt, voller Energie und beseelt von einer grossen gemeinsamen Vision. Und vielleicht wird ja dann in den Geschichtsbüchern des 22. Jahrhunderts dereinst zu lesen sein, die Menschen hätten im Jahr 2019 eine geniale Idee gehabt: Sie hätte die ganze Schule für ein halbes Jahr lang ausgesetzt, um die Menschheit zu retten...

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